Eine Jugend, die uns den Nihilismus derjenigen offenbart, die hinter ihren Bildschirmen keinen Grund zum Aufbegehren sehen

Der Arbeitskreis ReligionslehrerInnen am ITP erklärt sich solidarisch mit den Protesten von SchülerInnen, die derzeit in Frankreich, Italien, Albanien, Serbien, Spanien und vereinzelt auch in Deutschland stattfinden. Die Proteste sind die Zurückweisung der gegenwärtig erfahrenen Stagnation, die die Bildung, die Ökonomie, die Kultur, vor allem aber auch die Seelen ergriffen hat.

Unsere FreundInnen des Kollektives Anastasis aus Frankreich haben in der Zeitung „Le Monde“ einen bemerkenswerten Kommentar veröffentlicht, den wir hier mit freundlicher Genehmigung auf Deutsch übersetzt haben.

Das Original « La théologie conduit à rejeter l’idée que le mouvement lycéen serait l’antithèse naturelle de la mobilisation catholique pour la venue du pape », „Le Monde“, 12.10.2026, kann hier abgerufen werden.

„Die Theologie legt nahe, die Vorstellung zurückzuweisen, die SchülerInennbewegung sei der natürliche Gegenpol zur katholischen Mobilisierung anlässlich des Papstbesuchs“

Während der Kommentator Pascal Praud das „Chaos“ der SchülerInnenproteste der „Eintracht“ rund um den jüngsten Papstbesuch [in Frankreich] gegenüberstellte, erinnern die Philosophen Foucauld Giuliani und Paul Colrat des Kollektives Anastasis in einem Gastbeitrag für die Zeitung „Le Monde“ daran, dass der revolutionäre Impuls ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens ist.

Am 1. Oktober erklärte Pascal Praud auf dem Sender CNews im Hinblick auf die Schülerproteste: „Durch einen Zufall im Kalender tauchen diese Bilder des Chaos unmittelbar nach jenen der Eintracht, der Brüderlichkeit und der Lebensfreude auf – Bilder, die anlässlich des Papstbesuchs [vom 25. bis 28. September 2026] verbreitet wurden. Zwei Welten, zwei Stimmungen. Zwei Frankreichs, zwei Kulturen.“

Der Kommentator vermischt – oder tut zumindest so, als vermische er – die Glaubenserfahrung mit der Bejahung der bestehenden Ordnung. Hinter seinen Worten lässt sich das alte Wunschdenken erkennen, Religion als Instrument moralischer Disziplinierung und zur Legitimierung institutioneller Macht zu betrachten.

Zwar setzt der christliche Glaube innere Einkehr und spirituelles Hinhören voraus, doch darf man nicht übersehen, dass er sich auf die historische Gestalt Jesu bezieht. Nun bringen ihn verschiedene Stellen in den Evangelien jedoch sehr eindeutig mit Aufruhr in Verbindung: Sein Auftreten löst Beunruhigung im Volk aus (Matthäus 21,10), und er wendet physische Gewalt an, um die Händler aus dem Tempel zu vertreiben (Matthäus 21,12). Es ist kein Zufall, dass die religiösen Autoritäten – um seine Verurteilung zum Tode zu erwirken – vorbringen, Jesus „wiegle das Volk auf“ (Lukas 23,2).

Dieser theologische Exkurs soll keineswegs dazu dienen, jede politische Revolution zu sakralisieren; vielmehr soll er der Vorstellung entgegenwirken, die SchülerInnenbewegung sei der natürliche Gegenpol zur katholischen Mobilisierung anlässlich des jüngsten Besuchs von Papst Leo XIV.

„Zeichen der Zeit“

Während es hieß, sie seien Gefangene der „Bildschirme“, geht nun ein beträchtlicher Teil der Jugend auf die Straße. Sie setzen sich für bessere Lernbedingungen ein und dafür, dass die Schule aufhört, eine Aussortier- und Selektionsmaschine zu sein. Wie könnte man da nicht an Papst Franziskus [1936–2025] denken, der 2013 die Jugend dazu aufrief, „revolutionär“ zu sein und „für Aufruhr zu sorgen“? Er zog damit eine logische Konsequenz aus dem Glauben: Der revolutionäre Impuls ist kein zufälliger, von außen an das christliche Leben herangetragener Zusatz; er ist vielmehr ein wesentlicher Bestandteil desselben.

Der Aufstand der SchülerInnen kehrt die Perspektiven um: Nicht mehr die Jugendlichen sind es, die in einer virtuellen Welt leben, sondern vielmehr diejenigen, die – den Blick auf ihr Smartphone gerichtet – über sie urteilen und sich über deren „Gewalt“ empören, ohne dabei weder das Machtungleichgewicht noch die angewandten Methoden der Durchsetzung der Ordnung durch den Staat zu berücksichtigen, noch die tiefgreifenden sozialen Ursachen der Bewegung. Die Dinge aus dieser Perspektive zu betrachten, rechtfertigt keineswegs Akte der Aggression.

Ein Teil der Jugend hat sich in einen tatsächlichen Kampf begeben – in dem Bewusstsein nicht nur ihrer selbst, sondern auch der Lage in Gaza und der Gefahr durch die extreme Rechte, die in Frankreich die Macht zu übernehmen droht. Ihr setzt sie einfache und unbestreitbare Forderungen entgegen: Universaler Zugang und Qualität öffentlicher Dienste sowie die gleiche Würde aller Völker. Um einen Begriff aus der katholischen Lehre aufzugreifen: Ist es abwegig, darin ein „Zeichen der Zeit“ zu sehen – also ein Ereignis, das legitime Bestrebungen und Hoffnungen in sich trägt und als Keim für künftige gesellschaftliche Veränderungen dienen kann?

Vom Wesentlichen ablenken

Es wird nun deutlich, wie absurd der von manchen konstruierte Gegensatz ist: auf der einen Seite ein katholisches, bildungsorientiertes und zivilisiertes Frankreich, auf der anderen ein „fremdes“, faules und barbarisches Frankreich. Dieses Narrativ überträgt die Theorie vom „Kampf der Kulturen“ auf den konkreten Kontext der Studentenproteste. Am 6. Oktober griff Donald Trump dies auf seinem Netzwerk „Truth Social“ auf: „Es geht nicht um die Schulen, es geht um den Islam, der ein einst großartiges Land in seine Gewalt bringen will!“

Dieses für die extreme Rechte typische Deutungsmuster hat den Vorteil, dass es von den sozioökonomischen Ungleichheiten, die durch diese Krise offengelegt wurden, ablenkt, indem es die Situation in einen Identitäts- und Religionskonflikt umdeutet. Es bereitet den Boden für den sozialen, kulturellen und politischen Ausschluss nicht-weißer und nicht-christlicher Bevölkerungsgruppen – wie etwa der Aufruf von Eric Ciotti [Vorsitzender der „Union des droites pour la République“] zur „Absetzung“ des Bürgermeisters von Saint-Denis, Bally Bagayoko, verdeutlicht.

Die christliche Religion muss sich einem solchen Unterfangen der nationalistischen, rassistischen und kriegerischen Gleichschaltung widersetzen. Nicht nur beteiligen sich zahlreiche junge ChristInnen an dieser Bewegung; es ist zudem gut möglich, dass ihr Ruf nach Gerechtigkeit im Geist des Evangeliums eine echte Nahrung findet.

Anders als eine katholische Kommentatorin behauptete – die am 2. Oktober auf dem Sender Europe 1 die aufbegehrenden SchülerInnen verächtlich als „digitale Idioten“ bezeichnete –, liegt der Nihilismus nicht bei der Jugend, die sich voller Hoffnung erhebt, sondern bei jenen, die möchten, dass ChristInnen nichts anderes erwarten, als eine Welt jenseits dieser Welt. Ehrerbietung also der Jugend, die uns den Nihilismus derjenigen offenbart, die hinter ihren Bildschirmen keinen Grund zum Aufbegehren sehen.

 

Foucauld Giuliani ist Philosoph und Autor von „L’Espérance ravivée. A partir d’Arthur Rimbaud et de Philippe Jaccottet“ (Van Dieren, 102 S., 12 €); Paul Colrat ist Philosoph und Autor von „Salvations“ (Editions du Cerf, 352 S., 34 €). Beide sind Mitglieder des Kollektivs Anastasis und Co-Autoren von „La Communion qui vient. Carnets politiques d’une jeunesse catholique“ (gemeinsam mit Anne Waeles, Seuil, 2021) sowie „Die Bedrängnis des Evangeliums“ (erschienen im Deutschen beim ITP, Münster 2026).