Es ist die Stunde der Armen

Bei einer feierlichen Messe in der Kathedrale Santiago de Chiles haben zwei Jugendliche leere Gasgranaten und Gummigeschosshülsen, wie sie zu tausenden gegen die gegen den neoliberalen Kapitalismus Protestierenden in Chile eingesetzt werden als „Opfergaben“ im Altarraum verstreut. Ganz in der alles in allem reaktionären Tradition der römisch-katholischen Amtskirche wurden die Jugendlichen unter den Augen der zelebrierenden Priester verhaftet. Der Arbeiterpriester Mariano Puga hat dazu folgenden Brief veröffentlicht.


Quelle: https://kairosnews.cl/wp-content/uploads/2020/01/video-catedral.mp4?_=1

Villa Francia, 12. Januar 2020

Mariano Puga

Wir sind Zeugen einer Explosion, eines Ausbruches in Chile. diejenigen von uns, die Jünger Jesu sind, können an ihm erkennen, dass das Glück, das er denen versprochen hat, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, es nicht zuläßt, stillzuhalten, zu schweigen und ängstlich zu sein.

Dies wurde durch eine brüderliche Umarmung bekräftigt, die von Norden nach Süden verlief. Uns sind Träume davon begegnet, das Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Gleichheit möglich sind. Vielleicht kehrt die Freude, das wir uns lebendig fühlen, in die Gesichter zurück und der Hass und die Rache können hinter uns gelassen werden. Wir müssen nur die Augen aufmachen, um zu sehen, das in Chile etwas Neues geschieht. Und das gibt uns die Möglichkeit, ein offenes Herz und einen mitfühlenden Blick zu bekommen. So könnten wir Chile zu unserem Land machen.

Gestern hat in der Kathedrale von Santiago der neue Erzbischof,  unser Pastor Celestino, sein Amt angetreten. Während der Kommunion wurden mitten in der Messe zwei junge Männer von den Carabineros verhaftet, während die Priester zuguckten, weil sie Pellet-Patronen und Tränengasbomben auf dem Boden verteilt hatten. Unser Glaube sagt uns, dass diese Granaten, die das Leben unserer Schwestern und Brüder verwundet, verstümmelt, gegeißelt, für immer geblendet und getötet haben, auch und gerade in diesem Moment auch das Leben und der Körper Jesu Christi sind, der zu uns schreit: „Alles, was du deinem Bruder angetan hast, hast du mir angetan.“

Es gibt viele ans Kreuz geschlagene Gesichter in der Kathedrale. Die Geschosse, die Kugeln, die Gewalt und der Mißbrauch, sind das nicht angewandte und missbrauchte Gewalt, sind das nicht die Nägel, die die Menschen heute kreuzigen, warum nehmen wir sie nicht vom Kreuz, warum trauen wir uns nicht, sie abzunehmen? Wenn das Volk nicht auf der Straße sprechen darf, dürfen wir es dann nicht wenigstens in unseren Tempeln tun? Oder sind es vielleicht unsere Tempel, in denen sich die Menschen nicht zu Hause fühlen? Sollten wir Jesus fragen, wen er heute mit Peitschen aus dem Tempel herausholen würde?

Tatsache ist, dass die beiden jungen Männer, die uns geholfen haben, das Antlitz Christi in den Angeschossenen und Verletzten zu entdecken, verhaftet und von der Polizei auf das Polizeirevier gebracht wurden, und, wie es üblich ist, wissen wir bisher nicht, was genau der Grund ist, weswegen sie angeklagt werden und was mit ihnen geschehen wird. Alles was wir wissen ist, dass Jesus sie ermutigt und sagt: „Wegen mir werden sie angegriffen“. Diejenigen, die im Gegensatz zu diesen jungen Leuten auf die Menschen schossen und mit Gummigeschossen verwundet und mehr als zweihundert Menschen geblendet haben, wo sind sie? Muss man nicht das, was diese Jugendlichen getan haben, mit Gandhi und Mandela „die Gewalt der Friedfertigen“ nennen? Verdienen die jungen Menschen, die uns an das Antlitz Jesu in jedem Menschen erinnern, nicht vielmehr unsere Anerkennung als das Gefängnis? Verdienen sie nicht die Dankbarkeit der Hirten und von uns allen, dass sie uns an den Jesus erinnern, der in so vielen Menschen zertreten wurde. Vor allem in dem Moment, indem wir die  Kommunion, die Gemeinschaft von Leib und Blut Christi feiern?

Wir leben einen privilegierten Moment in Chile, auch wenn viele das Recht haben, es nicht so zu sehen. Doch diejenigen von uns, die an Jesus von Nazareth und die Hoffnung, die er uns hinterlassen hat, glauben, an den, der die Bedürfnisse der Armen befriedigt, derjenige, der die Weinenden tröstet, derjenige, der die Hungrigen speist, derjenige, der unsere Herzen reinigt, sehen in diesem Kairos einen großartigen Moment, indem wir uns demütig zu fragen: Erfüllen wir den Auftrag Jesu von Nazareth „Tu deinem Bruder, was du willst, dass er dir tut?

Diejenigen von uns, die diesen Brief unterschreiben, sind Christen,  die am Abendmahl teilnehmen, die „auf der Straße Unordnung stiften“, wie unser Papst Franziskus uns bittet, zu schreien, dass dies die Stunde der Armen, der Ausgeschlossenen, der Namenlosen ist, die Stunde Jesu.

Basisgemeinde Cristo Liberador, Villa Francia.

PS: Heute sind die beiden Jugendlichen wieder freigelassen worden! Es handelt sich um Emilio Jorquera, 21 Jahre alt und Pablo Sepúlveda, 20 Jahre alt. Beide sind Mitglieder der Jugendpastoral der Gemeinde Quilicura. Nach der Freilassung begrüßten sie ihre UnterstützerInnen mit den Worten: „Es lebe Christus, der Arbeiter!“