Christliche Kapitalismuskritik: Von Franziskus zu Marx

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Blockupy-Demonstration: Kapitalismuskritik auf der Straße

Von Franziskus zu Marx

Zur Kapitalismuskritik in der Kirche des 21. Jahrhunderts

Von Philipp Geitzhaus

Einleitung

Im Juli 2015 lud Papst Franziskus VertreterInnen sozialer Bewegungen aus der ganzen Welt nach Bolivien ein, um mit ihnen über die Lage der Welt und die Themen, Hoffnungen und Probleme dieser Bewegungen zu diskutieren. Wie zu erwarten, verurteilte der Papst auch dort aufs Schärfs­te den Kapitalismus und er machte klar, dass es ihm dabei nicht um die Bekämpfung einzelner Probleme gehe, sondern er die System­frage stelle: „Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozio-ökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, ver­wirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlich­keit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet – wie wir sehen – dieses unser gemeinsames Haus, die Schwester und Mutter Erde. […] Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Wenn es so ist, dann beharre ich darauf – sagen wir es unerschrocken –: Wir wollen eine Veränderung, eine wirk­li­che Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbei­ter er­tra­gen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertra­gen es nicht … Und ebenso wenig erträgt es die Erde, ‚unsere Schwester, Mutter Erde‘, wie der heilige Franziskus sagte“ (Franziskus 2015). Und als Träger für diese Veränderungen nannte Papst Franziskus vor allem die sozialen Bewegungen.

Diese Sichtweise auf die gesellschaftlichen Verhältnisse sowie die Wahl der GesprächspartnerInnen ist ein kirchengeschichtliches Novum. Wer­den die meisten Bewegungen von den Regierungen doch meistens als Chaoten oder gar Terroristen diffamiert. Und genauso auffällig ist die Wahl des Analyseinstruments: Begriffe wie „Kapital“, „Götze“, „Sklave­rei“ verknüpft man eher mit der Befreiungstheologie als mit einem Papst.

Die scharfe Kapitalismuskritik von Franziskus sowie seine Forderung nach einem Systemwechsel laden ein, über Alternativen nachzudenken bzw. sich mit Konzepten alternativer Ökonomien auseinanderzusetzen. Und insofern es sich bei Franziskus’ Analyseinstrument um ein – kirch­lich gesehen – untypisches handelt, lohnt es sich auch hier, den Hinter­grund seiner Kapitalismuskritik intensiver zu beleuchten.

Der komplette Artikel wurde in der theologischen Online-Zeitschrift “euangel” in der aktuellen Ausgabe 03/2016 veröffentlicht.