Reflexion zum V. Welttreffen der Sozialen Bewegungen (EMMP)

Abschließendes Foto der Teilnehmenden des Welttreffens im Spin Time Labs in Rom.

Am 21.-24. Oktober 2025 trafen sich VertreterInnen Sozialer Bewegungen aller Kontinente in Rom. Wie bereits bei den Welttreffen 2016 und 2021 war das Institut für Theologie und Politik aus Münster (siehe hierzu theologische Überlegungen in unserem Buch) als einzige Institution im deutschen Sprachraum beteiligt. Wir haben uns auch bei diesem Mal über die Einladung sehr gefreut. Dieses Mal waren wir vertreten durch Benedikt Kern und Julia Lis.

Drei Tage lang tagte die Versammlung und diskutierte die Erfahrungen widerständiger Praxen in Bezug auf Landfragen, Wohnen, Arbeit, Migration, den Krieg in Gaza und die Krise der Demokratie. Mitten in Rom, in einem besetzten Haus, das MigrantInnen und Geflüchteten ohne Perspektiven Gastfreundschaft gewährt, haben wir vier Tage mit AktivistInnen, von Armut Betroffenen, aber auch Priestern, Ordensleuten und Bischöfen darüber gesprochen, wie soziale Bewegungen an einer gerechten Welt für alle arbeiten können, über Strategien und gemeinsame Visionen. In Deutschland erleben wir eine etablierte Kirche, die viel mit Strukturreformen beschäftigt ist, aber wenig in Protestaktionen involviert ist. In diesem Kontext wäre ein solches Treffen, noch dazu in einem besetzten Haus, kaum vorstellbar. Das zeigt für uns, welche Umkehrprozesse in unserem deutschen Kontext noch notwendig sind. Der Papst stellt durch das Treffen und seine Ansprache (wir haben eine deutsche Übersetzung erstellt) eine klare Kontinuität zu den von Papst Franziskus angestoßenen Welttreffen der Sozialen Bewegungen her.

Ziele
Unserem Eindruck nach war eines der Ziele, Papst Leo zu Beginn seines Pontifikates zu einer Positionierung zu bringen, was durch das Treffen gelungen ist. In der Abschlusserklärung steht aber auch: „Wir wissen, dass unsere Bewegungen nur vorankommen können, wenn wir Isolation und Fragmentierung überwinden. Es reicht nicht aus, unsere eigenen Gemeinschaften oder Organisationen zu stärken: Wir müssen breitere Allianzen schmieden, Netzwerke von Netzwerken, die das Lokale mit dem Globalen verbinden. […] Wir werden die hier in Rom entwickelte Plattform zusammen mit der Botschaft von Papst Leo XIV. in den lokalen Kirchen und Diözesen, in unseren örtlichen Gemeinschaften, in unseren Städten und Regionen weitergeben.“ Allerdings ist noch unklar, was das bedeuten könnte. Es gibt keine konkreten Forderungen an die Kirche und auch keine ersichtliche klar formulierte Strategie im Umgang mit ihr. Die Themen des Papstes wie neue „grüne“ Energien, Digitalisierung, Kirche und Arbeiterschaft/Soziale Bewegungen heute spielten beim Treffen eher eine marginale Rolle.
Die Herausforderung, die unterschiedlichen Kampfbedingungen der Teilnehmer zusammenzuführen, stieß auch bei diesem Treffen an ihre Grenzen. Dies ist eine Problematik auf unterschiedlichen Ebenen, die oft in internationalistischen Arbeitszusammenhängen auftreten: Sprache, Kultur, politische Verortung und Geschichte, politische Bildung, theologische Bildung und Positionierung etc. Daher gab es vor allem einen Austausch über die Situationsbeschreibungen und die eigenen Aktivitäten. Es war jedoch leider schwierig, an politisch-theologischer Bestimmung zu arbeiten mit der Frage, wie es sinnvoll weitergehen kann. Das gilt es jetzt weiter zu entwickeln.

Themen
Es ging wieder um die 3-T (Tierra, Techo, Trabajo = Land, Wohnraum/Wohnung und Arbeit) . Allerdings mit einer Erweiterung um die Krise der Demokratie und Migration. Was nur am Rande thematisiert wurde, war Krieg und Frieden, präsent hingegen war Gaza. Die Abschlusserklärung wird eingeleitet mit: „Die hier an alle Welt gerichtete Botschaft ist das Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses, den wir 2014 mit Papst Franziskus begonnen haben, um den Dialog zwischen der Kirche und den Sozialen Bewegungen zu verbessern. Damit wollen wir erneut klarstellen, dass Landbesitz, Wohnung und Arbeit für alle Menschen die Grundlage für soziale Gerechtigkeit sind.“ Als Themen wurden gesetzt, dass Kämpfe geführt werden müssen um: Recht auf würdige und sichere Arbeit, universelle Arbeits- und Sozialrechte, Frieden mit sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftliche Souveränität, Geschlechtergleichheit, Demokratie von unten, Rechte von MigrantInnen, Ökologische Gerechtigkeit und Souveränität über die Gemeingüter.
Das Problem hierbei war wie bei den vorherigen Treffen der mangelnde Fokus, es standen Themen und Interessen nebeneinander, es gab keine Selbstkritik identitärer Aufladung der Partikularkämpfe.
Das Thema Repression wurde auch immer wieder aufgerufen, da es auch einige der TeilnehmerInnen und ihre Organisationen direkt betrifft.Vielleicht ist das auch zunehmend ein verbindendes Element. Insgesamt spiegelten die TeilnehmerInnen inhaltlich die breite der Linken wieder: von klassischen antiimperialistischen Positionen bis hin zu einem fast unpolitischen Diskurs über Engagement für die Rechte von Armen und Ausgegrenzten im Sinne von caritativer Arbeit und politischen Reformen im Sinne bestimmter Gruppen.
Das Verhältnis von Bewegungen und Kirche wurde zwar thematisiert, aber sehr harmonisierend dargestellt: als alte Allianz. Probleme der Kirche wurden komplett ausgeblendet. Aber auch die Schwäche der sozialen Bewegungen war kein wirkliches Thema, höchstens im Kontext Repression. Zu einer wirklichen Diskussion politischer Strategien kam es nicht, alles blieb relativ unvermittelt nebeneinander stehen.

Papst Leo
„Ich bin an Eurer Seite!“ Also ist eine Kontinuität zum Franziskusprojekt gewissermaßen gegeben mit Blick auf die EMMP. Auch wenn sein Stil offensichtlich ein anderer ist, das die höfische Etikette wieder stärker gepflegt wird und er selbst eher als Repräsentant und Bürokrat auftritt, statt als Seelsorger. Auffällig ist, dass er aber bei den relevanten Themen eine Sensibilität besitzt (Digitalisierung, geopolitische Verschiebungen, Migration). Insgesamt wurde das Treffen mit ihm als sehr erfolgreich ausgewertet, da seine Aussagen, gerade zu Migration, von unerwarteter Schärfe waren. Gleichzeitig fehlt die persönliche kulturelle, habituell Nähe und damit pastorale Zuwendung zu Bewegungsmenschen, wie sie Franziskus pflegte.

Wir erhoffen uns, dass das Welttreffen der Sozialen Bewegungen und auch die Ansprache des Papstes in der Weltkirche wahr- und ernst genommen werden, um darauf zu schauen, welche gesellschaftlichen Missstände und Konflikte nach einer Intervention aus christlicher Perspektive verlangen und wie ChristInnen hier in welchen Bewegungen nach Verbündeten suchen können.

Wir sind sehr froh, dass wir an dem Treffen teilnehmen konnten und sind gerne bereit, den weiteren Prozess zu unterstützen.

Hier ist ein Pressespiegel der deutschsprachigen Berichterstattung:

Hier ist eine spanische Übersetzung unserer Reflexion über das EMMP abrufbar.

03.03.2026