Geitzhaus: Franziskus und die „Idee des Kommunismus“

Texte Bild WebDie Suche nach Allianzen – Papst Franziskus und die „Idee des Kommunismus“

von Philipp Geitzhaus, August 2017

veröffentlicht in: Geitzhaus, Philipp: Die Suche nach Allianzen. Papst Franziskus und die „Idee des Kommunismus“, in: Christin und Sozialistin/Christ und Sozialist. Blätter des Bundes der Religiösen Sozialistinnen und Sozialisten Deutschlands, 4/2017, Herford 2017, 11-18. Der Beitrag steht auch unter der Rubrik „Texte“ zur Verfügung. Geitzhaus Die Suche nach Allianzen Franziskus Badiou

Kapitalismuskritik ist wieder en vogue. Seit Beginn der Finanzkriseund der darauf folgenden staatlichen Austeritätsmaßnahmen können die kapitalistischen Verhältnisse offen beim Namen genannt werden. Einer der berühmtesten Kapitalismuskritiker wurde – ganz unerwartet – ein Papst. Der Satz von Papst Franziskus aus Evangelii Gaudium „Diese Wirtschaftet tötet“ wurde in der ganzen Welt diskutiert. Sogar viele Menschen aus Sozialen Bewegungen oder linken Parteien haben sich ihn angeeignet. Damit stellte sich der Papst faktisch in die Reihe vieler weiterer KapitalismuskritikerInnen der letzten Jahre. So kommentierte beispielsweise Hans Springstein eine der vielen Äußerungen von Franziskus in der Zeitung „Der Freitag“ am 17.06.2014: „Es ist nicht das erste Mal, dass der Papst [Franziskus, P.G.] den Kapitalismus und seine Folgen auf eine deutliche Weise kritisiert, wie es sonst hauptsächlich nur von Marxisten, Materialisten, Kommunisten, Humanisten und Anarchisten zu hören ist.“ (Springstein 2014).

Diesem Kommentar von Springstein, der die Äußerungen von Papst Franziskus in die Nähe linker Kreise rückt, lohnt es sich nachzugehen. Dabei ist an dieser Stelle weniger die Frage von Interesse, ob Franziskus ein „linker“ Papst sei, sondern vielmehr, ob und inwiefern in der Ecke der MarxistInnen und KommunistInnen tatsächlich mögliche GesprächspartnerInnen für den Papst und für Christinnen und Christen zu finden sind. Und umgekehrt: Welchen Beitrag leistet Papst Franziskus für linke Kapitalismuskritik? In einem ersten Schritt wird deshalb zu klären sein: Wer sind die MarxistInnen, KommunistInnen usw. heute?

Wer sind die KommunistInnen heute?

Zu einer Neubestimmung des Begriffs des Kommunismus und nach der Möglichkeit seiner Subjekte hat sich seit ein paar Jahren eine große Diskussion unter weltweit renommierten Intellektuellen, wie Alain Badiou, Antonio Negri, Étienne Balibar, Costas Douzinas, Slavoj Žižek und vielen mehr, entwickelt, die sich insbesondere in mehreren Kommunismus-Konferenzen niedergeschlagen hat. Bisher wurden drei Konferenzen in drei Bänden dokumentiert (Douzinas/Žižek 2012a, Badiou/Žižek 2012, Badiou/Žižek 2015). Mit dem Titel „Die Idee des Kommunismus“ verfolgten die Veranstalter der ersten Konferenz 2009 in London das Ziel, linke Theorie und Praxis nach dem behaupteten „Ende der Geschichte“ und also auch dem „Ende des Kommunismus“ wieder gesellschaftsfähig zu machen. Der Begriff „Kommunismus“ sollte entdämonisiert und als theoretischer wie politischer Begriff wieder diskutierbar werden. So schreiben Douzinas und Žižek: „An diesem kritischen Wendepunkt, an dem als Folge der Krise [der globalen Finanzkrise, P.G.] alles möglich ist, und wo das Beste und das Schlimmste nahe beieinander liegen, hat die Idee des Kommunismus das Potenzial, das theoretische Denken wiederzubeleben und die entpolitisierende Tendenz des Spätkapitalismus umzukehren.“ (Douzinas/Žižek 2012b, 11). Die Idee des Kommunismus wird also als eine politische Idee verstanden, der (wieder) die Möglichkeit zugesprochen wird, die gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse aufzubrechen. Tatsächlich ist die Auseinandersetzung um den Begriff des Kommunismus im Kontext der Krise oder besser in den Protesten von sozialen Bewegungen und linken Organisationen gegen die Krisenpolitiken relevant geworden. Schlagwortartig tauchte der Zusammenhang von Krise und Kommunismus beispielsweise immer wieder auf Transparenten der internationalen Blockupy-Bewegung1 zwischen den Jahren 2012 und 2016 auf. 2013 war auf einem großen Fronttransparent zu lesen: „Crisis demands decision – let‘s choose communism“ und 2016: „An die Arbeit – let‘s choose communism“. Das spätere Transparent scheint sich auf Grund der Wortwahl offensichtlich auf das erstere zu beziehen. Was während der Proteste in Form von Slogans auftrat (und wahrscheinlich weiter auftreten wird), wird auch in theoretischen Beiträgen von Bewegungsintellektuellen vertieft. Hier ist vor allem das Buch von Thomas Seibert „Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus“ zu nennen, der schon 2009 parallel zur ersten Kommunismus-Konferenz die grundlegenden Texte ausführlich aufgegriffen und politisch-philosophisch ausgeführt hat (Seibert 2009). Die Kommunsimus-Konferenzen und die sich daran anschließenden Beiträge bieten eine theoretische Grundlegung und Vertiefung für bestehende politische Ausdrucksformen und Debatten an. Die Tatsache, dass verschiedene Denkfiguren der Beteiligten der Kommunismus-Konferenzen für Soziale Bewegungen Relevanz entfalten, lädt dazu ein, sich nicht nur aus theoretischen, sondern eben auch aus politischen Gründen differenzierter mit den verschiedenen Ansätzen der Kommunismus-Konferenzen auseinanderzusetzen. Im Folgenden werde ich mich mit dem für die Konferenzen grundlegenden Ansatz von Alain Badiou befassen.

„Die Idee des Kommunismus“

Ausgangspunkt der Diskussionen auf diesen Konferenzen waren und sind vor allem die Arbeiten des französischen Philosophen und Althusser-Schülers Alain Badiou, die sich insbesondere in den beiden Büchern „Wofür steht der Name Sarkozy?“ (Badiou 2008 [2007]) und „Die kommunistische Hypothese“ (Badiou 2011 [2009]) niedergeschlagen haben. Wenn Badiou von Kommunismus spricht, bezieht er sich in erster Linie auf den für ihn grundlegenden Text von Marx und Engels „Manifest der kommunistischen Partei“ von 1848. Nach Badiou wird dort Kommunismus als die Überwindung der „Logik der Klassen, der fundamentalen Unterordnung der wirklichen Arbeiter unter eine herrschende Klasse“ beschrieben. „Die kommunistische Hypothese ist, dass eine andere kollektive Organisation realisierbar ist, welche die Ungleichheit der Reichtümer und selbst die Arbeitsteilung eliminiert.“ (Badiou 2008 [2007], 104). Die Beschreibung des Kommunismus bleibt dort, so Badiou, noch sehr vage und allgemein, aber nicht unzureichend. Deshalb spricht Badiou auch von der „Idee des Kommunismus“. Diese allgemeinen Vorstellungen stellen den „Horizont jeder Initiative“ dar und sind als eine „regulative Idee“ und nicht als eine programmatische zu verstehen, womit Badiou sie auch von einer Utopie unterscheidet (Badiou 2008 [2007], 105). Das bedeutet, dass eine politische Aktion oder Organisation mit diesen allgemeinen Prinzipien kompatibel und damit emanzipatorisch sei oder nicht. Der Begriff des Kommunismus bleibt dabei aber letztlich zweitrangig (wenn auch nicht unbedeutend). Eine spezifische politische Organisation muss nicht „kommunistisch“ heißen, um diesen Prinzipien zu entsprechen. Im Gegenteil: Badiou hält das Adjektiv „kommunistisch“ für eine gegenwärtige politische Aktion/Organisation eher für unpassend, da so der Schwerpunkt auf eine spezifische – kommunistische – Identität gelegt wird, die tendenziell partikularistisch wirkt und deshalb dem universalistischen Anspruch der Idee des Kommunismus nicht gerecht wird. Denn der egalitäre Anspruch der kommunistischen Idee gilt für alle oder er gilt nicht. In den Worten Badious: „Eine wahre Politik beachtet Identitäten, selbst so schwache, so variable, wie die der ‚Kommunisten‘ nicht.“ (Badiou 2011 [2009], 13). Denn eine politische Aktion/Organisation bewahrheitet sich nur durch ihre emanzipatorische Praxis (die theoretische Praxis mit eingeschlossen) in universalistischer Dimension und nicht durch ihre Charakterisierung.

Historisch unterscheidet Badiou zwischen unterschiedlichen Phasen – in seiner Terminologie „Sequenzen“ – der kommunistischen Idee (Badiou 2008 [2007], 111-124). Die erste Sequenz beginnt 1792 während der Französischen Revolution und endet 1871 mit der Pariser Commune. Badiou sieht diese erste Sequenz charakterisiert durch die Implementierung und Verbreitung der kommunistischen Idee – insbesondere durch Marx und Engels –, die wiederum von Massen-Volksbewegungen in Form von Streiks, Demonstrationen, uvm. präsentiert wurde. Ziel der Bewegungen war es, eine gesellschaftliche Umwälzung zu organisieren, was sich zuletzt in der Pariser Commune verdichtete. Jedoch gelang den Massenbewegungen keine Revolution von französischer oder gar internationaler Tragweite. Die internationale Tragweite konnte erst in der zweiten Sequenz von 1917 bis 1976 erreicht werden. Badiou lässt diese Sequenz von der Russischen Revolution bis zum Ende der chinesischen Kulturrevolution reichen. Wichtig für die zweite Sequenz war die Frage, wie man siegen könne, statt wie die Pariser Commune sich nur wenige Wochen halten zu können und dann unterzugehen. Zentraler Akteur dieser Sequenz war nun weniger die Massenbewegung als vielmehr die kommunistische Partei. Bei allen Errungenschaften dieser Sequenz weist Badiou aber auch deutlich auf die Probleme der kommunistischen Parteien hin. „[Man] hat in Form der Staatspartei eine noch nicht dagewesene Form des autoritären, ja terroristischen, in jedem Fall vom praktischen Leben der Leute weit entfernten Staats erprobt.“ (Badiou 2008 [2007], 115).

Aktuell befinden wir uns, so Badiou, in einer Zwischenphase. Die zweite Sequenz ist beendet, eine dritte aber noch nicht angebrochen. Gerade deshalb ist es Badious Anliegen, wie auch das der anderen Konferenz-TeilnehmerInnen, die Idee des Kommunismus wieder besprechbar und für politische Organisationen fruchtbar werden zu lassen. Einer Idee kommt in Badious Ansatz die Funktion zu, auf eine neue Sequenz vorzubereiten. Denn eine kommunistische Sequenz lässt sich nicht einfach planen, sondern sie entsteht durch ein Ereignis, also zufällig, und in der Fortsetzung solch eines Ereignisses. Badiou: „Um die Schöpfung von neuem Möglichen, zumindest ideologisch oder intellektuell, zu antizipieren, müssen wir eine Idee haben. […] Eine Idee ist immer die Affirmation, dass eine neue Wahrheit historisch möglich ist.“ (Badiou 2011 [2009], 170 f.).

Die knappe Darstellung des Badiouschen Ansatzes der „Idee des Kommunismus“ als regulativer Idee lässt sich als eine politische (und philosophische) Strategie kritischer Intervention in die Grundfeste der gegenwärtigen kapitalistischen Verhältnisse verstehen. Sie will politische Bewegungen anregen und mit kritischem Potenzial füttern, insofern mit der kommunistischen Idee ein Orientierungspunkt für die Aktion und Organisation vorgeschlagen wird. Mit dieser Idee wird gleichzeitig auch ein erstes Werkzeug bereit gestellt, die Geschichte des Kommunismus kritisch zu analysieren, was sich in Badious Urteil über einige kommunistische Parteien erkennen lässt.

Dennoch ist der Anteil einer kritischen Gesellschaftstheorie und Kapitalismusanalyse in Badious Texten nur sehr wenig ausgeprägt. Das wird exemplarisch deutlich, wenn Badiou zu dem Ergebnis kommt, dass der gegenwärtige Kapitalismus demjenigen der Phase der 1840er Jahre, in der Marx und Engels das „Manifest der kommunistischen Partei“ schreiben, sehr ähnlich sei. Hier bleibt eine differenziertere Analyse der damaligen und heutigen kapitalistischen Bedingungen aus, bzw. ihr wird kein größere Bedeutung eingeräumt. Doch obwohl es sich damals wie heute um kapitalistische Verhältnisse handelt, sollte den Unterschieden in der Produktionsweise, der Technisierung, im Grad der Arbeitsteilung, uvm. mehr Beachtung geschenkt werden, um mit Hilfe dieser Analyse zu erkennen, welche gesellschaftlichen Prozesse egalitäre Organisationen und Aktionen be- und verhindern.

Trotz dieser hier nur angerissenen Defizite handelt es sich beim Ansatz der „Idee des Kommunismus“ um einen wichtigen Ansatz. In einer Zeit, die vom „Ende der Geschichte“, von behaupteten Alternativlosigkeiten und dem Aufziehen von Grenzen und Mauern geprägt ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, welche Bedeutung ein theoretisches Vorhaben erlangen kann, dass sich zur Aufgabe macht, an einem egalitären Ansatz festzuhalten,.

Papst Franziskus und die Welttreffen der Sozialen Bewegungen

Es ist nun zu fragen, welche Relevanz solch ein linker egalitärer Ansatz für Papst Franziskus bzw. die ChristInnen und umgekehrt, Papst Franziskus‘ für solch einen Ansatz haben kann. Papst Franziskus wird zwar, wie eingangs gezeigt, oft in die Nähe von MarxistInnen und KommunistInnen gestellt. Als solcher versteht sich der Papst aber überhaupt nicht. Sein Anliegen ist vielmehr eine dezidiert christliche Kapitalismuskritik und die Verkündigung der revolutionären Botschaft des Evangeliums (Franziskus 2015).2 Es wird zu zeigen sein, dass dieser dezidiert christliche Ansatz sich aber nicht in Abgrenzung zu anderen antikapitalistischen Ansätzen begreift, sondern gerade so gestaltet ist, dass er die Möglichkeit zu Allianzen bietet.

Wie kein anderer Papst tritt Franziskus für eine arme Kirche für die Armen ein und kritisiert den Kapitalismus und seine unterschiedlichsten Auswirkungen aufs Schärfste. Das ist mittlerweile bekannt. Diese Äußerungen sollten jedoch nicht als bloße spontane Reaktionen auf die schlimmsten Erscheinungen des Kapitalismus verstanden und so in ihrer Bedeutung reduziert werden, sondern sie stehen in einem (gewissen) theoretischen Zusammenhang und werden von praktischen Handlungen begleitet. Die vielleicht bedeutendsten Maßnahmen sind die vom Papst einberufenen Welttreffen der Sozialen Bewegungen. Die Wahl der GesprächspartnerInnen, die Themensetzung und die damit gesetzten Erwartungen sind ein wirkliches kirchengeschichtliches Novum. VertreterInnen von Basisgewerkschaften, Flüchtlingsbewegungen, linken Gruppen und Bündnissen aus der ganzen Welt haben sich auf den drei bisher organisierten Treffen mit dem Papst getroffen, um über Probleme, Hoffnungen und konkrete Forderungen der Bewegungen zu diskutieren. Die Wahl der GesprächspartnerInnen und der Themen ist äußerst mutig, werden die meisten Bewegungen von vielen Regierungen der Welt doch meistens als Chaoten oder gar Terroristen diffamiert. Papst Franziskus sowie Kardinal Turkson, der vatikanische Organisator der Treffen, betonten, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Bewegungen sei, ja, dass die Bewegungen sogar die zentralen Akteure für gesellschaftliche Veränderung seien (Franziskus 2016). Und Franziskus schloss sich den Forderungen der eingeladenen Bewegungen nach einem Systemwechsel an. Auf dem zweiten Treffen der Sozialen Bewegungen in Bolivien im Juli 2015 stellte der Papst klar, dass es ihm nicht um die Bekämpfung einzelner Probleme gehe, sondern er stellte die Systemfrage: „Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozio-ökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, verwirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlichkeit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet – wie wir sehen – dieses unser gemeinsames Haus, die Schwester und Mutter Erde. […] Erkennen wir, dass dieses System die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken? Wenn es so ist, dann beharre ich darauf – sagen wir es unerschrocken: wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderungen, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen; die Campesinos ertragen es nicht, die Arbeiter ertragen es nicht, die Gemeinschaften ertragen es nicht, die Völker ertragen es nicht…. und ebensowenig erträgt es die Erde unsere Schwester, Mutter Erde wie der heilige Franziskus sagte.“ (Franziskus 2015) Und als Träger für diese Veränderungen nannte Papst Franziskus vor allem die Sozialen Bewegungen. Auffällig ist die Wahl seines Analyseinstruments: Begriffe wie „Kapital“, „Götze“, „Sklaverei“ verknüpft man eher mit der Befreiungstheologie als mit einem Papst.

„Nein zur Vergötterung des Geldes“

Dass sich Papst Franziskus der Götzen- bzw. Fetischkritik bedient, ist in doppelter Hinsicht interessant. Zum einen ermöglicht diese Herangehensweise eine sehr radikale Gesellschaftskritik, zum anderen ist sie ein zentraler Inhalt der Befreiungstheologie (vor allem bei Pablo Richard, Franz Hinkelammert, Kuno Füssel, Michael Ramminger und Bruno Kern), die sich wiederum u.a. auf die Arbeiten von Karl Marx bezieht (Kern 1992 und 2017). Wenn hier von der Götzen- und Fetischkritik Franziskus‘ gesprochen wird, darf aber nicht erwartet werden, dass Franziskus eine umfangreiche Kapitalismuskritik vorgelegt hätte. Dennoch bleiben einige Grundeinsichten zum bzw. Urteile über den Kapitalismus bestehen: insbesondere, dass alle wirtschaftlichen Theorien und Aktivitäten „an den Lebensmöglichkeiten der Menschen ausgerichtet sein [müssen]“, wie Kuno Füssel und Michael Ramminger in ihrer Analyse zur Götzen- und Fetischkritik bei Franziskus hervorgehoben haben (Füssel/Ramminger 2016, 131).

Die politisch-organisatorische Dimension der Welttreffen der Sozialen Bewegungen wird mit der Fetischkritik um die theoretisch-kritische Dimension ergänzt und vertieft. Sie bietet die Möglichkeit für die Welttreffen genauer zu klären, welche Verhältnisse die Bewegungen eigentlich zu überwinden haben. Indem sich Franziskus die von Marx entwickelte Fetischkritik aneignet, entwickelt er einen christlichen Ansatz, der offen genug ist, um die revolutionäre Botschaft der Bibel prinzipiell mit der Praxis und Theorie der Bewegungen verknüpfen zu können. Damit erfüllt der Papst, ob bewusst oder unbewusst, ein genuines Anliegen der Befreiungstheologie, nämlich das Arbeiten an einer Allianz zwischen (Befreiungs-)Bewegungen und christlicher Kirche, mit dem Ziel die ausbeuterischen kapitalistischen Verhältnisse zu überwinden.

Neue Allianzen

Es ist offenkundig, dass eine Allianz zwischen ChristInnen und (linken) Bewegungen heute kaum existiert und sie auch nicht einfach so entsteht, sondern dass an ihr gearbeitet werden muss. Die ersten drei Welttreffen der Sozialen Bewegungen mit Papst Franziskus sind erste Schritte in diese Richtung gegangen. Dieser Prozess muss aber vor allem auch von weiteren christlichen Akteuren, von Gemeinden, Gruppen und Gemeinschaften mitgestaltet werden, um an Tragfähigkeit zu gewinnen (Geitzhaus 2016, Geitzhaus/Lis 2017).

Weitere Schritte sollten Christinnen und Christen (und nicht nur der Papst!) m.E. auch in Richtung auf solche Akteure, wie die OrganisatorInnen der Kommunismus-Konferenzen gehen, also auf Akteure, die sich um eine gesellschaftskritische und emanzipatorische Theorie bemühen, die für Bewegungen und politische Organisationen fruchtbar werden soll. Wie die Auseinandersetzung mit Alain Badiou gezeigt hat, ist auch bei ihm eine Offenheit in der Theorie bezüglich unterschiedlicher emanzipatorischer Akteure zu erkennen. Der egalitäre Charakter einer politischen Organisation/Aktion bewahrheitet sich durch ihre Praxis und nicht durch eine formale Charakterisierung (wie „kommunistische“ Partei). Die „Idee des Kommunismus“ ist kein ausbuchstabiertes Konzept, sondern eine regulative Idee, die auch diskutiert werden soll, was die Kommunismus-Konferenzen praktisch gezeigt haben. In die Diskussionen der letzten Konferenz, die im Januar 2017 in Rom stattfand, wurden auch vermehrt VertreterInnen politischer Organisationen eingebunden.3 Der Begriff des Kommunismus ist dabei jedoch, auch darin ist Badiou zuzustimmen, nur zweitrangig, wenn auch nicht unwichtig. Von größerer Bedeutung für den Ansatz der „Idee des Kommunismus“ ist eine Praxis, die die gegenwärtigen Klassenverhältnisse aufhebt, wie es im Manifest der Kommunistischen Partei (Marx/Engels 1848) heißt, das heißt alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein geknechtetes und verlassenes Wesen sein muss (Marx 1844, 385). In diesem Anspruch können sich ChristInnen und Linke theoretisch wie praktisch begegnen, wie die Ansätze von Papst Franziskus und Alain Badiou aufgezeigt haben. Nicht nur teilen beide Ansätze diese starke Orientierung an der radikalen Überwindung von Herrschaft und Unterdrückung. In ihrer Betonung der realen, verändernden Praxis relativieren sie auch die Bedeutung von nominellen Zugehörigkeiten und Identitäten und ermöglichen dadurch eine egalitäre universalistische Ausrichtung.

Literatur

Badiou, Alain (2008): Wofür steht der Name Sarkozy?, Zürich-Berlin. Französisches Original 2007.

Badiou, Alain (2011): Die kommunistische Hypothese, Berlin. Französisches Original 2009.

Badiou, Alain (2012): Die Idee des Kommunismus, 13-30, in: Douzinas, Costas/Žižek, Slavoj (Hg.) (2012): Die Idee des Kommunismus, Bd. 1, Hamburg.

Badiou, Alain/Žižek, Slavoj (Hg.) (2012): Die Idee des Kommunismus, Bd. 2, Hamburg.

Badiou, Alain/Žižek, Slavoj (Hg.) (2015 ): Die Idee des Kommunismus, Bd. 3, Hamburg.

Douzinas, Costas/Žižek, Slavoj (Hg.) (2012a): Die Idee des Kommunismus, Bd. 1, Hamburg.

Douzinas, Costas/Žižek, Slavoj (2012b): Vorwort: „Die Idee des Kommunismus“, 9-12, in: Dies.: Die Idee des Kommunismus, Bd. 1, Hamburg.

Geitzhaus, Philipp (2013): Blockupy. Befreiungstheologische Praxis in der Krise, in: Wort und Antwort 54, H. 4, 169-173.

Geitzhaus, Philipp (2016): Von Franziskus zu Marx. Christliche Kapitalismuskritik in der Kirche des 21. Jahrhunderts, in: Euangel. Magazin für missionarische Pastoral 03/2016 https://www.euangel.de/ausgabe-3-2016/globale-herausforderungen/von-franziskus-zu-marx/ abgerufen am 29.07.2017.

Geitzhaus, Philipp/Lis, Julia (2017): Kirche(n) in (sozialer) Bewegung. Der Papst, die Kirche der Armen und Perspektiven für eine Theologie der Befreiung in Europa, in ChristInnen für den Sozialismus (Hg.): Jahrbuch 2017 (in Vorbereitung).

Füssel, Kuno/Ramminger, Michael: Kritik des Götzendienstes und des Fetischismus in der Theologie der Befreiung und bei Papst Franziskus, 121-148, in: Füssel, Kuno/Josten, Ute (Hg.): „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit“ (Mt 6,33). Festschrift für Pastor Günter Schmidt zum 80. Geburtstag, Münster.

Kern, Bruno (1992): Theologie im Horizont des Marxismus. Zur Geschichte der Marxismusrezeption in der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung, Mainz.

Kern, Bruno (2017): „Es rettet uns kein höh‘res Wesen“?. Zur Religionskritik von Karl Marx, ein solidarisches Streitgespräch, Mainz.

Lis, Julia (2017): Krisenprotest im Herzen der Bestie. Theologische Herausforderungen symbolischer und politischer Praxis am Beispiel Blockupy, in: Geitzhaus, Philipp/Lis, Julia/Ramminger, Michael (Hg.): Auf den Spuren einer Kirche der Armen. Zukunft und Orte befreienden Christentums, Münster, 207-236.

Marx, Karl (1844): Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 378-391, in: Marx-Engels-Werke (1977), Bd. 4, Berlin.

Marx, Karl/Engels, Friedrich (1848): Das Manifest der kommunistischen Partei, 459-492, in: Marx-Engels-Werke (2006), Bd. 1, Berlin.

Papst Franziskus (2015): Franziskus, Papst, Ansprache von Papst Franziskus an die TeilnehmerInnen am zweiten Welttreffen der sozialen Bewegungen, 09.07.2015, http://www.itpol.de/?p=1804 abgerufen am 29.07.2017.

Seibert, Thomas (2009): Krise und Ereignis. Siebenundzwanzig Thesen zum Kommunismus, Hamburg.

Springstein, Hans (2014): Papst. Der Kapitalismus braucht den Krieg, in: Der Freitag 17.06.2014 https://www.freitag.de/autoren/hans-springstein/papst-der-kapitalismus-braucht-den-krieg abgerufen am 29.07.2017.

Strobel, Katja (2013): Blockupy – Widerstand im Herzen des europäischen Krisenregimes, in: Institut für Theologie und Politik. Rundbrief 39, 6f.

Zum Autor:

Philipp Geitzhaus ist Mitarbeiter am Institut für Theologie und Politik und studiert(e) katholische Theologie und Philosophie in Bonn, Madrid und Münster. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Neue Politische Theologie, Kirche der Armen, Poststrukturalismus. Zuletzt herausgegeben zusammen mit Julia Lis und Michael Ramminger: Auf den Spuren einer Kirche der Armen. Zukunft und Orte befreienden Christentums, Münster 2017.

1Zur Blockupy-Bewegung und zum Thema Krise vgl. Strobel, Katja (2013): Blockupy – Widerstand im Herzen des europäischen Krisenregimes, in: Institut für Theologie und Politik. Rundbrief 39, 6f., Geitzhaus, Philipp (2013): Blockupy. Befreiungstheologische Praxis in der Krise, in: Wort und Antwort 54, H. 4, 169-173, Lis, Julia (2017): Krisenprotest im Herzen der Bestie. Theologische Herausforderungen symbolischer und politischer Praxis am Beispiel Blockupy, in: Geitzhaus, Philipp/Lis, Julia/Ramminger, Michael (Hg.): Auf den Spuren einer Kirche der Armen. Zukunft und Orte befreienden Christentums, Münster, 207-236.

2Vgl. dazu auch Geitzhaus 2016 und die dort angegebene Literatur.

3Weitere Infos unter http://www.communism17.org/en/ abgerufen am 29.07.2017.